Horst Binz und sein „KaRo“

Der Messerschmitt KR 200, mit dem Horst Binz einmal mehr an der Breniger Veranstaltung teilnimmt, ist seit 1959 in seinem Besitz. Unter Oldtimerfreunden stellt dieses immer eine Besonderheit dar. Dennoch ist die Lebensgeschichte von Horst Binz in vielerlei Hinsicht typisch für die Geschichte seiner Generation. Im Jahre 1931 geboren, hat er den Krieg, die Stunde Null, die Währungsreform und die Jahre des Wiederaufbaus noch gut in Erinnerung. Er erlernte den Beruf eines Drehers. Von den Jahren des Wirtschaftswunders habe er im Portmonee nicht viel gemerkt, wie er sagte, außer dass er Arbeit hatte. Im Jahre 1953 motorisierte er sich schließlich. Dazu machte er den Führerschein der damaligen Klasse IV. Dieser kostete ihn bescheidene 9,60 DM und berechtigte zum Führen aller Motorfahrzeuge bis 250 ccm Hubraum, wobei es ganz egal war, ob diese Motorfahrzeuge zwei, drei oder vier Räder hatten. Zuerst wurde denn auch ein Motorrad gekauft, und zwar eine DKW RT 125. Doch schon 3 Jahre später hatte er sich zusammen mit seinen beiden Brüdern entschlossen, bei einem Händler in Hennef gleich drei Messerschmitt KR 200 „im Dreierpack“ zu bestellen. Für die Fa. Messerschmitt war eine solche Verkaufsorder so ungewöhnlich, dass der damalige Verkaufsleiter des Werkes höchst selbst die Auslieferung an die Brüder vornahm. Mit diesen Messerschmitt KR 200 fuhren die Brüder täglich zur Arbeit, bestritten die Wochenendausflüge wie auch die Urlaubsreisen. Letztere führten regelmäßig gen Süden, über die Alpen nach „Bella Italia“, das noch bis weit in die 60er Jahre das beliebteste Auslandsreiseziel der Wirtschaftswunder-Deutschen war.



Heute noch nennt Binz seinen Messerschmitt KR 200 liebevoll „KaRo“. KR oder KaRo war die Abkürzung für Kabinenroller. Auch damals war der KaRo unter den Kleinfahrzeugen schon ein merkwürdig Ding: Vorne zwei Räder wie ein Auto, ein Lenker wie ein Motorrad, Fahrer und Beifahrer saßen hintereinander, hinten war der KaRo gebaut wie ein Roller. Für die Behörden galt er als Auto. Den wetterfesten Abschluss nach oben besorgte eine Plexiglaskanzel, wie sie auch im Flugzeugbau verwendet wurde. Diese Kanzel sorgte dafür, dass der Volksmund die Fahrer dieser Fahrzeuge schon bald „Menschen in Aspik“ nannte und den Kabinenroller selbst „Schneewittchensarg“. Die Bezeichnung „Schneewittchensarg“ fand übrigens im Jahre 1971 erneut Verwendung für den verglasten Sportkombi Volvo P 1800 ES.

Anfang 1959 hatte Horst Binz eine überaus unglückliche Begegnung mit einem Lastzug, bei der er selbst glücklicherweise nur relativ leicht verletzt wurde, der KR anschließend nur noch Schrott war und der LKW-Fahrer von einem anderen PKW-Fahrer gestoppt werden musste, denn der hatte von dem Unfall mit dem kleinen Fahrzeug überhaupt nichts bemerkt. „Nur gut“, so Binz heute, „dass niemand auf dem Rücksitz des "KaRo" saß! Für den hätte die Fahrt im Schneewittchensarg tragisch geendet“.

Nach seiner Genesung stand die Überlegung zum Kauf eines neuen Autos an: Der VW Käfer, für den er noch keinen Führerschein hatte, kostete damals in der Standardausstattung mit Seilzugbremse 3.700,00 DM. Der „KaRo“ hatte dagegen einen Listenpreis von 2.395,00 DM, man saß trocken und windgeschützt wie im Auto, die Unterhaltskosten waren niedriger und insgesamt floss der Verkehr ja noch nicht so schnell wie heute. Transportaufgaben löste man ohnehin mit viel Improvisation. So wurde auch nicht sehr lange überlegt und der Kauf bei der Fa. Josef Sauer in Hennef-Geistingen noch mit Februar 1959 perfekt gemacht. Die Auslieferung des neuen Messerschmitt KR 200 de Luxe in zitronengelber Farbe erfolgte am 01.03.1959. Mit diesem Gefährt lernte er auch seine Freundin Marga kennen, die er schließlich 1961 heiratete. Selbstverständlich gingen die beiden mit dem „KaRo“ auf Hochzeitsreise: Ziel war diesmal der Gardasee und von dort aus ging es noch weiter gen Süden bis nach Neapel.

Alle Welt staunte damals schon, wie man mit einem so kleinen Gefährt und mit so viel Gepäck so weit reisen konnte. „Man musste sich schon gründlich überlegen, was man wirklich brauchte und innerhalb und außerhalb der Kabine jeden Freiraum nutzen, der Gepäckträger außerhalb der Kabine trug Koffer und Taschen, Zelt einschließlich Zeltstangen und weitere sperrige Gepäckstücke wurden außen an des Fahrzeug geschnallt. Der Einzylinder Zweitaktmotor kannte auf der gesamten Wegstrecke nur Vollgas: Das reichte je nach Windrichtung und /oder Gefälle für 70 km/h bis 100 km/h, auf vielen Passstraßen war der 2. Gang bergauf meist das Höchste der Gefühle, manchmal musste auch der erst Gang rein; um so flotter ging es danach aber mit dem wendigen Fahrzeug wieder bergab. Anfang der 60er Jahre hatte Horst Binz schon sämtliche Passstraßen der Alpen mit seinem „KaRo“ erklommen, den damals wegen seiner extremen Steigung berüchtigten Zirler Berg, den Großglockner- und den Brennerpass gleich mehrfach.

Auch als zur Familie zunächst eine Tochter und schließlich ein Sohn hinzukamen, war dieses für Horst Binz kein Grund, sich – wie seine Brüder – sehr bald ein vierrädriges großes Auto anzuschaffen, die gleich ein Mehrfaches an Unterhaltskosten verursachten. Zwar war der ehemals gelbe Nitrolack inzwischen zu einem weißen Farbton umgeblichen; dennoch brachte der „KaRo“ Horst Binz täglich zum Arbeitsplatz. Allerdings passte für die große Urlaubsreise nicht die ganze Familie ins Auto. Man behalf sich eben mit der Bahn, mit der die Frau Marga und der Jüngste fuhren. Da man auch am Urlaubsort an der Nordsee oder in den Alpen nicht auf die mit dem „KaRo“ gegebene Mobilität verzichten wollte, fuhren Horst Binz und seine Tochter damit auf eigener Achse zum Urlaubsziel.



Im Jahre 1970, Horst Binz war nun schon vor Jahren vom Dreher zum Fertigungs- und Qualitätskontrolleur aufgestiegen, da entschloss er sich endlich, den Führerschein der Klasse III zu machen und sich einen VW-Käfer zuzulegen. Der KR war schließlich in die Jahre gekommen und zeigte im Blechkleid und im Lack optische Alterungsspuren. Insgesamt hatte der „KaRo“ in den 11 Jahren 139.000 km zurückgelegt. Alle 35.000 km wechselte Binz den Kolben und ließ den Zylinder schleifen, weil der Motor dann jedesmal „sauer“ war, wie man damals so sagte; einmal auch erneuerte er die Kurbelwelle. Mit dem VW-Käfer sollte das alles nun ein Ende finden. Sein Sohn bewog ihn jedoch, den „KaRo" 1970 nicht zu verkaufen – Geld gab es damals eh nicht viel für einen Kabinenroller- „mit dem KaRo kann ich noch schön spielen“, sagte er. So landete der „KaRo" anschließend im Garten als Spielgerät für die Kinder. Unter die Vorderachse kamen zwei hölzerne Weinkisten, denn ohne Bodenkontakt konnten die Kinder die Lenkung des "KaRo"s ungehindert von einem Anschlag bis zum anderen drehen.

Dieses Spielzeug prägte offenbar die Beziehung seines Sohnes zum „KaRo" nachhaltig. 1983 fand auf dem Gelände eines Hennefer Automobilhändlers eine Oldtimerveranstaltung statt, zu der es zunächst nur den Sohn hintrieb, dieser meldete sich jedoch schon bald bei seinem Vater, dass er doch auch kommen solle und er ihm unbedingt etwas zeigen müsse. Zu sehen gab es bei dieser Veranstaltung unter anderem einen Messerschmitt Tiger, der zwar 4 Räder hatte und mit der doppelten Motorleistung deutlich schneller war als der KR 200, aber äußerlich doch noch sehr viel Ähnlichkeit mit seinem langjährigen Spielzeug im Garten hatte. Horst Binz kam mit dem Eigentümer schnell ins Gespräch, wenig später stand man gemeinsam im Garten an dem im Dornröschenschlaf immer noch versunkenen „KaRo" und entdeckte sogleich eine neue Leidenschaft, die noch mit der Unterzeichnung der Beitrittserklärung zum Messerschmitt-Club von Deutschland am selben Tage ihren Höhepunkt fand.

Im Hinblick auf das absehbare Restaurationsprojekt wurde als zunächst vorbereitende Maßnahme die bereits vorhandene Garage ausgebaut. So gerüstet wurde nunmehr der „KaRo" selbst unter die Lupe genommen, um sich über das Ausmaß der erforderlichen Restaurierung ein Bild zu machen. 13 Jahre Feuchtigkeit im Garten hatten vor allen Dingen dem Blech arg zugesetzt: Stellenweise musste geschweißt werden, der vorhandene Lack war großflächig dem Rost gewichen. Im Verhältnis zu einem großen Auto nahmen sich die erforderlichen Blecharbeiten aber noch relativ bescheiden und überschaubar aus. Nach umfangreichen vorbereitenden Maßnahmen wurde die Lackierung selbst einem Fachunternehmen überlassen. Anschließend glänzte die Karrosserie in der neuen Grundfarbe Rot. Fahrwerk und Motor waren noch in einem erstaunlich guten Erhaltungszustand und mussten lediglich gereinigt und neu geschmiert bzw. mit frischem Öl versorgt werden. Im Jahre 1985 waren die Restaurationsarbeiten abgeschlossen. Die erste Oldtimerveranstaltung, an der Marga und Horst Binz mit ihrem „KaRo" teilnahmen, war übrigens die erste Oldtimer-Veranstaltung des Motor Veteranen Club Bornheim-Brenig für Automobile.



Seit dieser Zeit waren die Eheleute Binz fast bei jeder Veranstaltung in Benig dabei. Auch wenn die Restaurierung des „KaRo" nunmehr schon über 20 Jahre her ist, strahlt und fährt er noch immer so jugendlich wie 1959, als Horst Binz ihn gerade erworben hatte. In der Garage hat er seinen Ehrenplatz neben einem ebenfalls schon historischen Käfer. Aber das wäre wieder eine andere Geschichte.



Text: Hans Peter Schneider
Foto: Sammung Horst Binz, Peter Schiebahn, Archiv der Stadt Bornheim

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