Eine im Grunde vom Krieg gestohlene Kindheit und Jugend

Reinhard Scholtis Vater war Erich Scholtis. Der kam aus Schlesien, hatte in Breslau an der Akademie Bildende Kunst studiert und verdiente seinen Lebensunterhalt als Kunstmaler. Sein berühmter Onkel August Scholtis hatte als Schriftsteller ebenfalls einen nicht alltäglichen Beruf. Die Mutter stammte aus Danzig, wo auch die Familie Scholtis lebte. Dort erblickte Reinhard 1933 als zweites von sieben Kindern das Licht der Welt.

Schon als Knabe war Reinhard Scholtis von einem ausgeprägten Freiheitswillen beseelt und erwies sich als außerordentlich mutig. Voller Stolz erzählte er, wie er als „Pimpf“ mit elf Jahren aus einem nationalsozialistischen Erziehungslager „abgehauen“ sei, wie er wieder eingefangen wurde und danach erneut flüchtete und schließlich im Herbst 1944 als Artilleriehelfer in Prinzlaff bei Danzig verpflichtet wurde. „Ich war dort der Kalfaktor“, berichtet er. „Auch weil ich mich für Waffen interessierte, haute ich dort nicht mehr ab“.

Als im Winter 1944/45 die Rote Armee immer näher gen Westen rückte, lernte er als fast zwölfjähriger Artillerihelfer die sehr schreckliche Fratze des Krieges kennen: „Wir waren ständig unter Tieffliegerbeschuss und wurden mit Splitterbomben beworfen!“ Als einer der in nächster Nähe vorbeiziehenden Flüchtlingstrecks aus der Luft total zerschossen und zerbombt wurde, fand er sich plötzlich inmitten verstümmelter und zerfetzter brennender Leichen wieder. „Das Gedärme der Menschen und der Zugpferde hing in den Alleebäumen und dampfte bei einer kalten Außentemperatur von minus 15° Celsius“.

In der Nähe von Danzig lag das damalige Konzentrationslager Stutthof. Unter dem Eindruck der näherkommenden Front wurden auch von dort aus die Gefangenen zunächst in sogenannten Todesmärschen – soweit sie diese überlebten - in andere Lager verlegt oder von den Lagerwachen sofort getötet.
Kurz vor dem Eintreffen der Roten Armee tauchten allerdings in der Nähe seiner Artilleriestellung bei Prinzlaff sieben Jüdinnen auf, die aus dem KZ Stutthof entstammen und nunmehr - trotz der Eiseskälte nur in Unterrock, Decke und Fußlappen gekleidet – umher irrten. Den Frauen war unter dem Eindruck der näherrückenden Ostfront – wie auch immer – die Flucht gelungen. Der Kommandant der Artilleriebatterie wollte sich in Anbetracht der nahen Front nicht mehr mit diesen KZ-Flüchlingen befassen. Er stellte es indessen dem noch nicht zwölfjährigen „Kalfaktor“ Reinhard Scholtis anheim, „mit den Frauen zu machen, was er wolle“. Der ahnte auch schon, was diesen Frauen drohte und führte sie kurzerhand zu dem vom Eigentümer verlassenen Bauernhof, in dem seine Familie mehr oder weniger noch alleine lebte. Er erinnerte sich, dass seine Mutter einige Monate zuvor schon einmal drei jüdische Polinnen in einer alten Kammer unter Decken versteckt hatte und dass die Mutter deshalb auch schon einmal ins Visier der Gestapo geraten war. Er versteckte deshalb mit Wissen und Zustimmung der Familie die sieben geflohenen Frauen im Taubenschlag des zum Bauernhof gehörenden Schuppens, „und dort sollten sie bleiben, bis der Krieg vorbei war!“

Als die Rote Armee wenige Tage später eintraf, gehörte die Familie Scholtis zu den wenigen, die nicht geflüchtet war. Mit ihr erlebte Reinhard Scholtis in dem Bauernhof in Prinzlaff das Kriegsende. Allerdings hatte sich seine Mutter dabei mehrmals im Taubenschlag bei den sieben Jüdinnen versteckt. Nur einmal sei sie nicht schnell genug gewesen. Da habe Reinhard, mutig wie er war, dem russischen Vergewaltiger so kräftig am Stiefel gezogen, dass er den schließlich in der Hand hielt. Weil der kleine Reinhard dabei auch noch deutlichen Lärm verursachte, fühlte sich der Vergewaltiger offenbar so sehr gestört, dass der schließlich von Scholtis Mutter abließ. Die Geschichte hätte hier schon für den kleinen Reinhard böse enden können.

Eigentlich waren die Russen nicht verkehrt“, erinnert sich Scholtis heute zurück. „Im Verhältnis zu dem Leid, das wir Deutschen den Russen bereitet hatten, waren die ja noch richtig nett.“
So richtig da waren laut Scholtis die Russen aber erst im Juli 1945. „Dann fingen die erst an, sich um Dinge zu kümmern. Bis dahin waren wir so ziemlich uns selbst überlassen. Oft hatten wir uns am Ostseestrand in Nickelswalde aufgehalten. Der lag in der Zeit voll mit Toten, die das Meer angeschwemmt hatte. Viele davon werden von dem Flüchtlingsschiff „Wilhelm Gustloff“ gewesen sein. Wir gingen hin und begruben viele der Toten oder deckten sie wenigstens mit Sand zu“.

Etwas zum Essen, zum Trinken und vielleicht auch noch ein Dach über dem Kopf, das waren die Maxime jener Jahre in Deutschland. Reinhard Scholtis hatte in jenem Alter nicht nur sehr viel Mut, er war auch intelligent und deshalb ein ausgezeichneter Autodidakt, insbesondere, wenn es um jene Dinge ging, die mit dem Überleben und dem Durchkommen zu tun hatten. Er hatte schon erfahren wie wichtig es war, das Wesentliche der Dinge zu erkennen und darauf einzugehen. Und dass es sich immer lohnt, mit guten Hoffnungen nach vorne zu schauen, selbst dann noch, wenn die Lage auch noch so hoffnungslos erschien. Das war seine Kämpfernatur. Auf diesen Grundlagen versuchte er, aus seiner Lebenssituation des Beste zu machen.

Seine Erlebnisse mit den Russen beschäftigen ihn auch heute immer noch: „Ich bin dann ab Juli 1945 bis Februar 1946 mit den Russen auf eigene Faust mitgezogen. Die waren einmalig gut zu mir, obwohl ich noch die Pimpf-Uniform trug! Manchmal durfte ich sogar eine richtige Pistole mitführen, die ich gefunden hatte und was mich sehr beeindruckte. Ich half den Russen dabei, mit den örtlichen Verhältnissen zurecht zu kommen, an Schnaps zu gelangen, spielte Klavier - auch manchmal mit den Füßen - während sie sich dabei besauften. Bei den Russen durfte ich auch zum erstenmal selbst mit einem Motorrad fahren: Es war auf einer DKW RT 125. Manchmal blieb ich die Nacht über bei den Russen. Meine Eltern fanden das in Ordnung, weil sie einerseits wussten, dass ich mir selbst sehr gut helfen konnte und weil ich andererseits so oft genug Essbares mit nach Hause bringen konnte. Hüten musste ich mich nur immer vor den politischen Kommissaren, die man an ihrem roten Sowjetstern auf der runden Mütze und dem Nagant-Revolver erkannte. ... Ich war auch dabei, als die Russen das befreite KZ Stutthof untersuchten: Dort sah ich Baracken voll mit Brillen, Schuhen und Menschenhaaren und auf dem Hof lag die Asche aus dem Krematorium meterhoch“.

Ich selbst frage mich hier, wie ein Junge von noch nicht einmal 13 Jahren solche Erlebnisse und Erfahrungen verarbeiten konnte und welchen Einfluss diese auf seine weitere Entwicklung nahmen. Dass das Spielzeug jener Jahre die von den Kriegshandlungen noch herumliegenden „Waffen, Munition und Handgranaten“ waren, verwundert mich da nur wenig. Mein Vater und meine Onkel erzählten Ähnliches. Offenbar bewirkten diese Erlebnisse das große Interesse von Reinhard Scholtis an allem, was der Zweite Weltkrieg an Spuren hinterlassen hat. Auf diesem Wege entdeckte er Jahrzehnte später in den Ardennen und im Hürtgenwald noch mehrere Überreste gefallener deutscher und amerikanischer Soldaten, die dort Ende 1944 gefallen waren und nunmehr in ein ordentliches Grab gebettet werden konnten.

Im Februar/März 1946 kam mit der Ankunft der ihrerseits selbst vertriebenen Polen gleichzeitig die Vertreibung der Familie Scholtis aus Westpreußen. „Wir mussten weg, ohne etwas mitnehmen zu dürfen. In Viehwaggons wurden wir nach Stettin in ein Lager gebracht und nach zwei Wochen von dort weiter im Viehwaggon bis nach Bad Segeberg, wo wir auf Höfe verteilt wurden um den Bauern zu helfen.“ Im nahegelegenen Bimöhlen bei Bad Bramstedt ließ sich die Familie dann für einige Jahre nieder. Der Vater, zeitlebens kränklich, war fortan als Kunsterzieher und Zeichner - auch für die Kriminalpolizei - tätig. Reinhard Scholtis erlernte dort den Beruf des Klemptners und Installateurs; die Gesellenprüfung dazu legte er allerdings 1954 in Köln ab, wohin die übrige Familie schon 1953 gezogen war.


Fanfahrenzug der „Pimpfe“. Laut Hitler sollte die Jugend lückenlos organisiert werden


Flüchtlingstreck durch Danzig im Februar 1945


Reinhard Scholtis war „Kalfaktor“ bei einer Geschütz-Batterie Flak 18 in Danzig. Im Bild ein Unteroffizier, der ein 8,8 cm Geschütz neu belädt




Eingang und Baracken des KZ Stutthof






Während der Stunde Null zeichnete Erich Scholtis, der Vater von Reinhard Scholtis, die vom Krieg geschundene Stadt Danzig. Diese Werke wurden 2004 in Danzig ausgestellt


Der Schriftsteller August Scholtis
war ein Onkel von Reinhard Scholtis.
Sein literarisches Schaffen soll Einfluss
auf den späteren Nobelpreisträger
Günter Grass genommen haben


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